Über Mütter, Berlinophilie und Wahlkämpfe - Eine Aufholjagd

Nach langer Zeit mal wieder Naba. Habe mir vorgenommen, in Zukunft wieder oefter und kuerzer zu schreiben… Es ist viel passiert, Uni hat so richtig angefangen (und es gab keinen Streik mehr…), am Wochenende wird “ausgegangen”, ich war beim Friseur, und lauter andere wichtige Dinge geschahen. Andere Dinge geschahen nicht: Ich warte immer noch auf mein Osterpaket…

30 años de lucha - 30. Geburtstag der Madres de Plaza de Mayo

Die Madres (=Mütter) haben sich am 30.04.1977 zum ersten Mal auf dem Plaza de Mayo vor dem Praesidentenpalast versammelt, um die Aufklaerung des Schicksals ihrer verschwundenen Toechter und Soehne in finsterster Militaerdiktatur zu fordern. Ihr Protest, der mit der Zeit immer staerker wurde und wohl nur moeglich war, weil sie bewusst als Mütter auftraten und eine Diktatur, die die katholische Familie verteidigen wollte, nicht offen gegen sie vorgehen konnte (trotzdem “verschwanden” auch einige von ihnen), hat schliesslich mit zur Rueckkehr zur Demokratie 1983 beigetragen. Die Madres sind ein riesiges Symbol geworden. Mitlerweile gibt es zwei Stroemungen, die eine sehr politisch und kaempferisch (mit Chávez, Fidel Castro und vor allem dem arg. Praesidenten Kirchner verbunden), sich zu allen aktuellen Debatten äussernd, und eine andere “Linie”, sehr viel “zurueckhaltender”, versucht geradezu unpolitisch zu sein und nur das Gedenken an ihre verlorenen Kinder zu wahren.

Diese Spaltung hat den Vorteil, dass es mehrere Feiern gab. Auf der einen hatten wir das Glueck, spezielle Eintrittskarten zu ergattern und ein Konzert von Mercedes Sosa (eine alte (und sehr kranke) argentinische Kultsaengerin, die nur noch sehr selten auftritt) miterleben zu duerfen. Die Abschlusskundgebung der politischen Madres fand auf “ihrem” Plaza de Mayo statt, mit einer Rede, wo die 80jaehrige Vorsitzende eine grossartige Rede hielt, mit viel Schreien und Faust-in-die-Luft-werfen (zu lange her, um mich genauer zu erinnern). Dann spielte noch eine grossartige Murga aus Uruguay und danach Charly Garcia, ein argentinischer Rockstar. Mich ein wenig ueber seinen offensichtlich deutlich angetrunkenen Zustand wundernd wurde mir gesagt, dass er normalerweise so 3-4 Lieder durchhaellt und dann immer zu fertig ist, um weiterzuspielen. Hier waren es mindestens 5, wir hatten also grosses Glueck! Zum Abschluss die argentinische Nationalhymne im Jimmi-Hendrix-Style, und das alles mit den 80-94jaehrigen Madres hinter dem Schlagzeug auf der Buehne. Großartig! Da ich meine Kamera nicht dabei hatte, habe ich einfach jemanden gefragt, ob er mir denn ein paar schicken könnte. Hat sich dann als Fotograf herausgestellt, der Nicolas, der auch eine tolle Website mit Fotos hat. Wir sind dann noch in eine Bar, um auf den Kampf anzustoßen, dabei auch ein Argentinier, der während der Militärdiktatur auch “verschwand”, aber überlebte. Er hatte eine großartige Theorie, warum in diesem Land alles im Arsch ist. Muss ich an anderer Stelle mal vorstellen.

Schiller, Brecht und Berlin. Berlin!

Ein anderer Freund von Nicolas (Schuhfabrikbesitzer und Koch, hatten wir nach den madres in der Bar getroffen) hat uns für den nächsten Sonntag auf ein Essen in seine Wohnung eingeladen, mit dabei anwesend Teile des argentinischen Feuilletons und eine Schauspielerin. Eingeladen wurde ich, weil ich aus Berlin komme. Berlin! Die grandioseste Stadt, nach übereinstimmender Meinung der Anwesenden. Berlin! Da wurde ja geschwärmt, was das Zeug hält. Berlin! Und ich wurde auch noch in Berlin geboren! Berlin! Und immer wieder angestoßen auf Berlin! Nach mehreren Flaschen Wein wurde Schiller vorgelesen und ein Stück der Drei-Groschen-Oper nachgesungen. Tolle Episode.

1. Mai

Etwas anders die Stimmung auf den Demos am 1. Mai. Jede linke Partei hatte ihre eigene Kundgebung, dann trafen sich alle gemeinsam auf der Plaza de Mayo, wo ein gemeinsames Abschlussdokument vorgelesen wurde. Nur zwei Fotos.

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Beim Singen der Internationale

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Auf dem Plaza de Mayo

Wahlkampf mit Kirchner

Am 3. Juni waren hier Wahlen zum Buergermeister von Buenos Aires und zum Stadtparlament. So langsam steige ich auch hinter die komplizierten (wechselnden) Koalitionen und Parteizugehoerigkeiten. Es gab drei aussichtsreiche Kandidaten: Den Amtsinhaber Telerman (ein “Clown”, nach Ansicht vieler, war trotzdem aussichtsreichster Kandidat), einen reichen Unternehmer Macri (der klassische Kandidat der Rechten) und den aktuellen Bildungsminister des Praesidenten, Daniel Filmus, ins Rennen geschickt von seinem Chef. Letztere sind von der Peronisten-Partei (gegruendet von und fuer Perón und die grosse Arbeiterpartei), die aber von den Mittelklasse-Waehlern dieser Stadt geradezu gehasst wird. Dieses olle Proletariat! Da geht man doch lieber zum Psychoanalytiker, hehe. Jedenfalls war da neulich eine Wahlkampfveranstaltung fuer und mit Filmus, wo auch der Praesident Kirchner sprach. Ich hab mich in die Presseabteilung geschummelt (grosse Kamera macht immer schon ausreichend Eindruck) und war quasi zwischen den grossen und dem Volk. Letzteres wurde auch mit Bussen herangeschafft und ordentlich mit Fahnen ausgestattet, zum Aerger der Leute in den hinteren Reihen, die wohl gar nichts sehen konnten… Jede Gruppierung muss eben unbedingt zeigen, dass sie “presente” ist!
Die Reden waren aber eher langweilig, nichts aggressives, keine Beleidigungen…

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Pingüino o Pingüina? Das sind Kirchner und seine Frau, weil sie aus dem Süden kommen, dort wo es Pinguine gibt. Und eine(r) von beiden wird Kandidat für die Präsidentschaftswahlen. Die sagen aber noch nicht, wer.

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Peronistin.

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Ältere Peronistinnen.

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Eigentlich ohne Worte. Ein echter Mann. Mit Evita-T-Shirt.

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Peronist.

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Viele Peronisten.

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Daniel Filmus. Bildungsminister und Kandidat für Bürgermeister-Amt von Buenos Aires.

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El presidente Nestor Kirchner. Wirft gerade Küsse ins Publikum und hält in der rechten Hand ein T-Shirt, das ihm zugeworfen wurde.

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El presidente. Der Schelm.

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Fans.

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Das beste High-Tec-Plakat. In etwa: “Filmus, verdammte Scheiße!”

Kandidaten-Diskussion: Bildungsminister vs. Kandidat der Rechten

Letzte Woche gab es auch eine Fernsehdiskussion mit den drei Kandidaten. Dabei soll hier nur ein Dialogfetzen wiedergegeben werden, der mich ja begeistert hat. Zum Kontext: Macri ist seit einigen Jahren Abgeordneter im Stadtparlament, erscheint aber fast nie zu den Sitzungen. (Eigene Uebersetzung frei Schnauze)
Filmus: Das ist doch albern, dass du Dich im Wahlkampf fuer bessere Bildung etc. einsetzt, aber jedesmal, wenn Gesetze diskutiert und abgestimmt werden, erscheinst Du nicht. Zum Beispiel beim … (bla bla) und beim Gesetz zur Sexualerziehung in den Schul..
Macri: Doch, bei der war ich!
Filmus: Warst Du nicht!
Macri: War ich doch!
Filmus: Warst Du nicht!
Macri: Und was soll ich da auch hingehen, wenn ihr mit eurer Mehrheit eh immer gewinnt!

Das ist doch größtes Theater! Fantastisch! Applaus! Der Part mit dem “Nein”/”Doch”, sowas von großartig. Nochmal Applaus!

Constitución. Oder: Die wilden Argentinier.

In der eigentlichen Stadt Buenos Aires wohnen nur 3 Millionen Menschen, jeden Tag pendeln aber ca 7 Millionen aus dem Umland (=Provinz) in die Stadt. Nach der Privatisierungswelle in den 90ern wurden im ganzen Land die Eisenbahnstrecken stillgelegt, in der Provinz Buenos Aires gibt es noch Linien. Jene, die von den Vorstädten an den Stadtrand führen (in der eigentlichen Stadt gibt es ein bescheidenes U-Bahnnetz), sind zum Berufsverkehr immer rammelvoll (Japan-Style), so voll, dass man selbst auf diesen ruckligen Gleisen sich nirgends festhalten muss, weil man einfach nicht umfallen kann. Die Linien werden alle von privaten Firmen betrieben, die riesige Summen an Subventionen vom Staat bekommen (mehrere Millionen Euro pro Monat, je nach Linie). Trotzdem wurde seit der Privatisierung kaum investiert, alles ist in schlechtem Zustand, ständig fallen Züge aus usw. Beim Bahnhof Constitución, vier Blöcke von meinem Haus hier entfernt, kommen die Züge aus der Zona Sur (vor allem untere Mittelklasse bis noch ärmer) an und eine wichtige U-Bahnlinie beginnt (mit der ich oft in die Stadt fahre). An einem Dienstag Mitte Mai, als am Abend in der Hauptverkehrszeit mal wieder Züge gestrichen wurden und es von Seiten der Betreiber keine Information gab, wann es wieder welche gibt, ist die Stimmung auf den überfüllten Bahnsteigen gekippt und von den wütenden Pendlern wurde ein Fahrschein-Büro angezündet, ein paar Scheiben eingeworfen und auf die schwer gepanzerten Polizisten, die dann erschienen sind, Steine geworfen.

In den Reaktionen später war sich die bürgerliche Presse einig, dass das doch so kurz vor den Wahlen wieder mal provoziert worden ist (von wem auch immer, Opposition oder so…). Und überhaupt, diese Gewalt! Diese irrationalen Massen! Dass die Bedingungen in den Bahnen aber unmenschlich sind, darin waren sich irgendwie auch alle einig… Aber doch bitte nicht so!
Und ups, die Regierung hat reagiert und wenig später dem Unternehmen die Konzession entzogen und einem anderen Unternehmen gegeben. Ein paar Wochen später wurden von der Regierung zwei neue staatliche Organisationen gegründet, die für die Infrastruktur und den Betrieb auf dem Schienennetz zuständig sind und Aufträge und Konzessionen an Unternehmen geben oder alles selbst betreiben können. Ob das ein erster Schritt zur breiteren Wiederverstaatlichung der Bahn und zum Wiederaufbau des Schienennetzes ist, ist aber nicht klar. In jedem Falle wird diskutiert, wie man die Folgen der Privatisierungswut in den ‘90ern wieder rückgängig machen kann.

Auch deutsche Medien (Berliner Zeitung, Spiegel Online, die sonst nie über Lateinamerika berichten!) haben dieses Ereignis gemeldet. Ganz schrecklich der spiegel online. Diese wilden Argentinier “zerstörten alles, was ihnen in den Weg kam” (Schwachsinn), das Video suggeriert ein Feuerinferno (was in Wirklichkeit Lampen sind, die die goldene Decke anstrahlen) und zeigt vielmehr (ohne dass dies erwähnt wurde), dass die Polizei bereit war, auf “alles einzuknüppeln, was sich ihnen in den Weg stellte” (meine ebenso sachliche Antwort)…

Ich hab erst davon erfahren, als die Züge wieder funktionierten, die Leute verhaftet waren und nur noch die TV-Journalisten ein paar “Betroffene” und “Augenzeugen” interviewten. Ein paar Fotos (nur deshalb schreibe ich doch darüber, damit ich die Fotos zeigen kann, hehe…).

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Die Herren Polizisten mit ihrem Spielzeug.

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Die Haupthalle.

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Pendlerzüge, Bahnhof Constitución.

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Pendler.

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Das Bahnhofsgebäude von außen am Tag.

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Plaza Constitución, vor dem Bahnhof.

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