Über das Cruisen in argentinischen Kleinstädten und andere Erfahrungen

Um in der Gegenwart anzukommen, gibt es nochmal einen zusammengemixten Eintrag, quasi Aufholjagd Teil II, diesmal mit neuen Anpassungsbemühungen, Geburtstagsfeiern, Fußball, und der Spannung wegen am Ende auch mit etwas Polizei, Schlagstock und Fußball-Mafia.

Concordia
Ende Mai gab es wegen eines Feiertages (Revolution 1810) ein langes Wochenende. Caro, eine Freundin, nutzte dies aus, fuhr zu ihrer Familie in Concordia und lud mich ein, mitzukommen - um mal eine echte argentinische Kleinstadt kennenzulernen. Da hab ich doch nicht nein gesagt. Concordia liegt in der Provinz Entre Ríos (”Zwischen den Flüssen”, das Zweistromland Argentiniens), etwa fünf Stunden mit dem Bus nördlich von Buenos Aires, direkt an der Grenze zu Uruguay, getrennt nur durch den Fluss Río Uruguay.

Caros Mutter hat einen alten Volkswagen, mit dem sind wir am ersten Tag über den großen Staudamm rüber nach Uruguay, in die Kleinstadt Salto. Angerollt, just im Zentrum der Stadt, qualmte es heftig aus der Motorhaube - anhalten. Der erstbeste vorbeikommende Typ stellt eine böse Diagnose, irgendwas wichtiges kaputt, man dürfe keinen Schritt mehr fahren, komme heute damit nicht mehr weg, bzw. könne das Auto ja frühestens morgen wieder abholen…
Ein Problem in dieser unserer Lage hat auch mit den aktuellen belasteten uruguayisch-argentinischen Beziehungen zu tun. Etwas flussabwärts wollen die Uruguayer (bzw. eine finnländische Firma) eine Zellulosefabrik bauen (bzw. die ist fast fertig), wogegen sich die Argentinier auf der anderen Flussseite heftig wehren. Deswegen werden gerade zu Feiertagen und auch sonst immer mal wieder, alle Grenz-Brücken blockiert (das gab und gibt auch diplomatische Verwicklungen deswegen, vor ein paar Monaten daher ein Vermittlungversuch in Madrid unter Mediation des spanischen Königs!). Das mit dem später einfach wieder rüberkommen wäre also sehr kompliziert geworden.
Nach viel hin und her, Sorgen etc. kam dann irgendwann noch ein anderer und hat einfach den Stecker vom Ventilator-Lüfter wieder reingesteckt und gesagt, jetzt ist wieder alles in Ordnung. War es dann auch…

Caros Mutter hat uns auch das Auto überlassen, oder besser gesagt: mir (Caro kann nicht fahren). Damit bretterten wir dann durch die Stadt und die Umgebung. In den Bemühungen mich anzupassen und vor allem nicht aufzufallen (hatte keinen internationalen Führerschein und nicht mal meinen deutschen dabei), musste ich mir abgewöhnen, beim abbiegen zu blinken und auch an roten Ampeln nachts nicht zu halten. Es sei denn, es ist eine Ampel die sehr nah am plaza central ist - aber auch dann ist das eine Ermessenssache. Und als ich irgendwann (wir waren bei Freunden zu Hause) nicht mehr Alkohol trinken wollte (bzw. das Gefühl hatte, nicht mehr trinken zu dürfen, wegen des Autofahrens), wurde mir erklärt, dass das hier doch ganz anders sei: Ich müsse eine extra Strafe zahlen, wenn ich bei einer Puste-Kontrolle nicht mindestens einen bestimmten Wert aufweise. Jaja…

In den Bars war das Publikum wesentlich jünger als in Buenos Aires. Mit Mitte 20 ist man halt entweder weg aus dieser Stadt oder hat schon (mehrere) Kinder. Die argentinische Landjugend ist halt auch etwas anders, so… Man versucht ganz schön doll, cool zu sein, mit coolen Frisuren und Klamotten zu zeigen, dass man Rock und nicht Cumbia hört. Aber sehr nett dort! Wir waren noch in einer heißen Therme, haben Asado (Grill mit ganz vielen verschiedenen bis eckligen Fleischprodukten) gegessen…

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Caro im Auto, natürlich mit Mate

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Altes Haus in Salto, Uruguay

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Asado zum Frühstück… Normalerweise liegen noch mehr Innereien auf dem Grill. Alles, was man aus der Kuh oder dem Schwein rausholen kann.

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Der “Strand” in Concordia. (Para Caro: Si, eso es la “playa” de Concordia…)

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La plaza central de Concordia. Mit irgendeinem Helden auf dem Pferd, dem bestimmt die Unabhängigkeit Argentiniens irgendwie zu verdanken ist.

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Condordia

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Concordia, im Herbst.

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Der (Ex-)Hauptbahnhof in Concordia. Sieht ein bisschen nach südsibirischer Provinzstadt aus, finde ich.

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Verlassenes Gleis am Bahnhof in Concordia.

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Am Rande Concordias.

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Statue des Kleinen Prinzen, im Saint-Exupéry-Park am Rande von Concordia. Angeblich ist dort Antoine de Saint-Exupéry mit seinem Flugzeug bruchgelandet, und die erste Person, die er traf, war ein kleines Mädchen, welches zu ihm in französisch sprach und mit einem Umhang gekleidet war. So entstand die Figur der Geschichte. Tatsächlich war Saint-Exupéry lange in Argentinien, und an dem Haus in der Nähe, wo tatsächlich eine französische Familie wohnte, hängt auch eine Plakette der französischen Botschaft…

Geburtstag - Und alkoholfreie Wahlen

Eine Woche später hatte ich Geburtstag. Eigentlich schreibe ich hier ja überhaupt nicht über so persönliches (auch wenn es nach dem was ich hier sonst so schreibe den Anschein erweckt: ich lese nicht nur Zeitung, gehe nicht nur auf Demos und fotografiere nicht nur Randale… um es mal angemerkt zu haben), aber nagut.
Zwei Tage vorher habe ich mich entschieden, dies (meinen Geburtstag) zum Anlass zu nehmen, doch spontan ein paar Leute einzuladen. Am Tag nach meinem Geburtstag waren hier Wahlen (Bürgermeister von Buenos Aires - dazu vielleicht ein andermal, just heute war die Stichwahl) - und das heißt interessanterweise, dass am Abend vorher (also an meinem Geburtstag) die Bars und Tanzlokale alle um Mitternacht schließen müssen. Bzw. keinen Alkohol mehr ausschenken dürfen. Mutmaßlich, damit die Leute nicht besoffen irgendeine dumme Entscheidung treffen - hat aber nichts geholfen, die haben trotzdem totalen Müll gewählt…

Das war eigentlich schon der Anlass, über meinen Geburtstag zu schreiben… Nun ja. Ich habe also am Abend vorher ein paar Freunde eingeladen, erst hier nach Hause, und dann sind wir noch in eine Bar gegangen. Davon auch ein verwackeltes Foto, aber andere gibt’s nicht.

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Geburtstag, Teil I in der Küche

Boca - Oder: Manchmal ist man halt doch Touri…

Boca ist eine Fußballmanschaft. Denkt man. Aber eigentlich ist diese Manschaft für die Argentinier das, was in anderen Ländern der Kölner Dom, die englischen Kronjuwelen und das Louvre ist. Naja, zumindest für die eine Hälfte der Argentinier. Die andere Hälfte ist für eine andere Mannschaft und verachtet Boca-Fans. Selbst Leute, die sich überhaupt nicht für Fußball interessieren, “haben” immer eine Manschaft, sind also “von/aus” Boca (”soy de Boca”) oder eben von einer der Rivalen. Das Stadium von Boca ist nicht weit weg von meinem Haus, die Spiele dort kann man bis hierher hören. Die Stimmung in dem Stadium (”La Bombonera”) muss unglaublich sein!
An einem Mittwoch vor zwei Wochen war das Final-Hinspiel im Copa Libertadora (Turnier um die beste Fußballmannschaft (nicht Nationalteams) Lateinamerikas) und Boca hatte das Finale erreicht. David, mein hiesiger Mitbewohner, und ich wollten eigentlich in Richtung Boca (so heißt auch der Stadtteil wo die Manschaft spielt) laufen und uns in die erstbeste Kneipe mit Fernseher setzen. Diese Fußball-in-Kneipen-guck-Kultur existiert hier aber nicht wirklich. Wir liefen los, kurz bevor das Spiel begann, und die Straßen waren komplett leergefegt. Alle die nicht im Stadion waren, schauten sich das Spiel zu Hause an. Wir näherten uns, mehr aus Zufall, immer mehr dem Stadion an und dachten, ach, schauen wir einfach mal, wie es dort so ist. Und prompt wurden uns Karten angeboten (, “schwarz”, “legale” Karten gibt es selbst für normale Boca-Ligaspiele nicht zu kaufen, weil es mehr Fanclub-Dauerkarten als Sitzplätze gibt…). Erst richtig teure auf der Tribüne, dann normale zum normalen Standard-Schwarzmarktpreis (12€). Da haben wir doch glatt zugeschlagen, vorher natürlich geschaut, ob dass denn keine Fälschung ist.
Puerta 14, unser Eingang, sei gleich da vorne. Und dort wurde uns gesagt, si si, da, um die Ecke… Und nochmal… Schließlich haben wir mit einem Abstand von 300m das Stadion zu dreiviertel umlaufen, um zum richtigen Einlass zu kommen. Überall viel Polizei, gerade am Einlass, mit dickem Wasserwerfer, gepanzerten Fahrzeugen und diesem ganzen Spaß. Für die auswärts-Fans wird immer eine Straße abgesperrt, damit die gleich nach dem Spiel in ihren Bussen abziehen können. Erst danach dürfen die lokalen Fans aus dem Stadion. Uns wurde schon an verschiedenen Stellen auf die Karten geguckt, immer wurden wir durchgewunken. Der eigentliche “Einlass” kam aber erst später. Zwischem einem Polizeispalier (in voller Kampfmontur, mit großem Schild, Brust-, Bein-, Knie- und sonstwas-Schützer, Schlagstock, Helm) stand der Kartenkontrolleur. Dahinter, in einer Art seitlichem Trichter, zwischen einer Mauer (rechts), einem Metallzaun (links) und einer Reihe Polizisten (vorne) drückte sich der Rest Fans Richtung Nadelöhr (diese eine kartenkontrollierende Person). Und da gab’s ganz schön Druck von hinten, Boca hatte inzwischen schon ein Tor geschossen, alle wollten rein. Man musste ordentlich gegendrücken, um nicht zu nah an die Polizistenreihe zu kommen, die, falls man ihnen doch zu nahe kommt, einem kurz mit dem Schlagstock deutlich machen, dass es dort nicht durchgeht (den Schlagstock will man ja auch nicht umsonst mitgenommen haben!).

Vielleicht so 20min in dieser Position kamen wir schließlich an die Reihe, und wähnten uns dem Ziel nahe. Ich zuerst, der Kartenkontrolleur guckt kurz auf meine Karte, nach 0,75 Sekunden hat er entschieden, dass sie eine Fälschung ist, steckt oder schmeißt sie weg (ich jedenfalls bekomme sie nicht), zeigt mir den Weg zur Seite raus, ich war etwa 1,25 Sekunden irritiert (vielleicht hebe ich sogar noch fragend die Hände hoch), aber da kommt gleich mit einem Schlagstock von der anderen Seite der sanfte Hinweis, dass es hier doch keine Diskussion gebe. Da bin ich schon außerhalb des Polizistenspaliers und wende mich in meiner Gringo-Unschuld an einen anderen Ordner-Polizisten (in sympathischen orangen Westen statt oder über der schwarzen schusssicheren Weste), der mir den netten Hinweis gibt, mich doch einfach beim Club zu beschweren. Tja, dass ich die Karte nicht wiederbekomme, da kann man nichts machen…

David erging es genauso. Da war sie, die Erfahrung. David meinte, dass wir für die Erfahrung in dem Trichter zwischen drückenden Leuten, Zaun, Mauer und Polizei in einem Anti-Stress-Training für Manager ungleich höhere Summen hätten bezahlen müssen.

Der Kartenverkauf von Fußballspielen wird hier über die Barrabravas abgewickelt. Das sind Mischungen aus Fan-Club und Mafia, die das ganze Geschäft rund um die Spiele durchorganisieren und auch mit den Polizisten “gut befreundet” sind. Von denen haben wir auch die Karten gekauft. Eine plausible Vermutung ist, dass sie zu diesem Zeitpunkt nur noch Fans reinlassen wollten, und die haben alle ihren Socio-Ausweiß (Fan-Club-Mitglied) und nicht so schäbige Einmal-Karten wie wir.

Da wir nicht noch mehr von der Partie verpassen wollten, schnappten wir uns ein Taxi und fuhren zu einem Freund, der sich das Spiel zu Hause anschaute. Vor seiner Haustür konnte er uns aber nicht reinlassen, weil seine Mitbewohnerin irgendwie Freunde zum Essen eingeladen hatte, der Fernseher aber in ihrem Zimmer stand… Da standen wir nun, reichlich frustriert. Das war jedenfalls alles anders geplant. Dafür waren wir mitten im Touri-Viertel San Telmo, und wollten nur in irgendeine Bar oder ein Restaurant mit Fernseher. Nix! Alles tot! Mittlerweile noch desillusionierter… Aber schließlich, in einem billigst-Imbiss, mit schöner Kloh-Fliesen-Romantik, ein Fernseher! Ein Ort, wo es hauptsächlich Panchos (quasi Hot Dogs) für knappe 50€-cent gibt. Dort setzen wir uns hin, mit einem Bier, hochzufrieden. Unsere Gesellschaft waren ausschließlich Cartoneros (die meist Obdachlosen, die die Mülltüten auf der Straße nach Papier und Plastikflaschen durchsuchen, diese abgeben/verkaufen und davon leben), die sehr beim Spiel waren und die beiden weiteren Tore tanzend feierten. Sofort nach Schlusspfiff standen sie mit preußischer Arbeitsmoral auf, gingen raus und arbeiteten weiter.

So war das damals.

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