Der Priester und die Folter

Aktualität ist nicht meine größte Stärke… Jetzt ist es schon einige mehrere Tage her, dass von Wernich, katholischer Priester, als erster Angehöriger der Kirche für Verbrechen während der letzten Militärdiktatur in Argentinien (1976 - 1983) verurteilt wurde. Dieses Urteil gelangte sogar in deutsche Medien, aber kurz wollte ich dazu auch noch was schreiben.

Während dieser letzten Diktatur, eine der grausamsten in Lateinamerika, “verschwanden” 30.000 Menschen (jeder 1000. Argentinier!), deren Schicksal immer ähnlich aussah: Entführung, Folter, Tod (z.B. aus Flugzeugen überm Meer abgeschmissen - der berüchtigte “argentinische Tod”). Die katholische Kirche, ein sehr wichtiger stützender Pfeiler der Militärjuntas, hat dabei nicht nur zugesehen, sondern auch mitgeholfen.

Von Wernich war Kapellan in der Polizei der Provinz von Buenos Aires, ging in dieser Funktion in den Folterzentren ein und aus und präsentierte sich den verschleppten politischen Gefangenen als Priester. Dabei nahm er auch Nachrichten an, mit dem Versprechen, diese an die Angehörigen weiterzuleiten (und umgedreht). Angekommen ist nie etwas. Er nutzte das Vertrauen, das ihm als Priester von den Verschleppten entgegengebracht wurde, aus, um an Informationen für die Polizei und das Militär zu kommen.

Nach Zeugenaussage hat von Wernich den Gefangenen auch gesagt, dass sie, während sie gefoltert werden, doch bitte nicht hassen sollen. Hass zu empfinden ist nicht christlich. Foltern ist natürlich etwas anderes…

Die Antwort der katholischen Kirche

Einer der Zeugen in diesem Prozess war auch Adolfo Pérez Esquivel, Friedensnobelpreisträger von 1980 und selber während der Diktatur entführt und beinahe aus einem Flugzeug überm Meer abgeworfen. Jetzt lehrt er unter anderem an meiner Fakultät, wo ich hier gerade studiere. Pérez Esquivel hatte 1981 eine Audienz beim Papst Johannes Paul II (genau, diesem lieben Papst). Schon vorher hatte er mehrmals eine Art Bericht über etwa 80 in der Diktatur verschwundene Kinder an ihn leiten lassen, mit der Bitte, bei der Aufklärung ihres Schicksales zu helfen. Darauf gab es nie eine Reaktion. Bei seiner Audienz trug Pérez Esquivel diese Bitte nun persönlich dem Papst vor. Dessen Antwort war (!!): “Sie müssen aber auch an die Kinder in den kommunistischen Ländern denken.” Perez-Esquivel erwiderte, man müsse an alle Kinder dieser Welt denken, aber in diesem Fall lässt eine westliche, nicht-kommunistische Regierung, die sich explizit auf den katholischen Glauben stützt, Kinder verschwinden. Darauf erhielt er keine Antwort. Die katholische Kirche (bis auf einzelne Priester) hält immer noch den Mund und sagt kein Wort dazu, dass einer der ihren in ihrem Namen Beihilfe zum Völkermord geleistet hat. Sie redet lieber von “Versöhnung”, ein Euphemismus für Straflosigkeit.

Auch wenn das Urteil für Argentinien historisch ist (zum ersten Mal ein Angehöriger der Kirche verurteilt, für Taten die im Rahmen von Genozid begangen wurden; außerdem war es das erste Urteil nach dem “Verschwinden” von Julio Lopez, einem wichtigen Zeugen im letzten Prozess gegen einen Folterer des Regimes) zeigt es auch, wieviel bei der Aufarbeitung noch fehlt. Zum einen war es erst der dritte Prozess überhaupt nach Aufhebung der Straflosigkeit 2003. Bezeichnend ist aber vor allem die Reaktion der katholischen Kirche. Ihr tut es irgendwie doch leid, was von Wernich getan hat. Aber natürlich tat er das auf eigene Rechnung, keiner hat was gewusst, und von Wernich war halt nur ein schwarzes Schaaf, der “laut Justiz” (!!! aus der superkurzen Stellungnahme der Kirche nach dem Urteil) an schweren Verbrechen beteiligt war. Das Schreiben ruft dazu auf, nicht nur gegen Straflosigkeit zu kämpfen, sondern auch gegen Hass und Groll… Welch Sarkasmus angesichts der aktuellen Situation im Land!

Hinzu kommt, dass die Kirche immer noch keine Sanktionen gegen von Wernich verhängt hat. Er ist also noch Priester, kann Messen geben und Beichten abnehmen. Ein Priester, der rechtmäßig wegen Entführung, Mord und Folter bei Teilnahme am Völkermord verurteilt ist! Eine Woche nach dem Urteil habe ich gelesen, dass in Italien ein Priester sofort exkommuniert wurde, als er im Fernsehen zugab, homosexuell zu sein. Seine Stimme wurde verzerrt und sein Gesicht nicht gezeigt, aber da hat sich die Kirche ordentlich Mühe gegeben und sofort herausgefunden, wer das war.

Die katholische Kirche ist in Argentinien auch nicht (nur!) irgendeine verrottete Institution, sondern repräsentiert immer noch die Meinung des konservativen Sektors der Gesellschaft (die wirtschaftliche und z.T. politische Elite).

Medien-Schelte

Jetzt noch die obligatorische Medien-Schelte. Ich habe nur wenig in deutschen Medien gelesen, aber gehört, dass es in vielen Zeitungen Berichte über dieses Urteil gab. Der bei tagesschau.de war wieder mal krass. Nur zwei Beispiele. Die Madres de Plaza de Mayo wurden als “Hinterbliebenen-Bündnis” charakterisiert, und nicht als Menschenrechtsorganisation. Letzteres entspricht seit vielen Jahren ihrem Selbstverständnis, ihren Aufgaben und ihrer öffentlichen Wahrnehmung. Sie als Hinterbliebenen-Verein darzustellen suggeriert eine Gruppe mit isolierten Forderungen in ihrem Eigeninteresse, sie verträten nur ihre Angehörigen und deren Interessen. Etwas ganz anderes ist ihre Wahrnehmung als eine Menschenrechtsorganisation, die sich gegen Straflosigkeit auf allen Ebenen und für die Wahrung der Rechte einsetzt.
Viel krasser ist jedoch die Aussage, dass von Wernich für Verbrechen verurteilt wurde, die während des “so genannten ‘Schmutzigen Krieges’” begangen wurde. Diesen Ausdruck traut sich nicht mal mehr die rechte Presse hier öffentlich zu nutzen, da er so mit der Rechtfertigung der Verbrechen des Militärs verbunden ist. “Schmutziger Krieg” suggeriert eine Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien, wo es, na gut, eben auch mal zu Ausrutschern kam, und man brutaler agiert hat oder agieren musste, weil es halt eine Art “Guerrilla-Krieg” gewesen sei. War es aber nicht. Staatsterrorismus, der eigentliche Begriff für das Geschehene Ende der 1970er, beschreibt ganz deutlich, was passiert ist: Der Staat (und sein Militär und seine Polizei) haben einseitig alle Menschenrechte gebrochen und alles was nach subversiv roch entführt, gefoltert und gemordet. Da gab es keine andere “Front”.
Diese Unterschiede erscheinen vielleicht für Außenstehende nicht so bedeutsam, als Wortklauberei. Aber mit dieser Wortwahl werden Wahrnehmungen und Realitäten erzeugt, und mir kann keiner erzählen, dass sich Journalisten, die hier aus Lateinamerika berichten, sich den Bedeutungsunterschieden zwischen “Schmutziger Krieg” und “Staatsterrorismus” nicht bewusst seien. Entweder benutzen sie solche Begriffe mutwillig, oder sie sind fahrlässig-naiv im Umgang mit der Sprache, dem Medium ihrer Arbeit. Das erste will ich mir nicht vorstellen, das zweite kann ich nicht…

Fotos - Mal wieder eine Demo

Nur damit hier noch ein paar Fotos reinkommen, noch kurz zu einer Demo, die mit diesem Thema in enger Verbindung steht. Am 18.09.2007 war es genau ein Jahr her, dass Julio Lopez “verschwand”. Lopez war ein wichtiger Zeuge im zweiten Prozess überhaupt gegen einen Mittäter des Völkermords während der letzten Diktatur seit Aufhebung der (formalen) Straflosigkeit. Just am Tag der Urteilsverkündung (Lebenslänglich) wurde Lopez entführt. Bisher gibt es weder von ihm noch von den Tätern eine Spur - kein Wunder wenn die Täter mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst in der Polizei sind, und/oder von Sektoren der “alten” Polizei gedeckt werden. Um auf diese Unglaublichkeit, dass 24 Jahre nach der Wiedereinführung der Demokratie wieder Menschen “verschwinden”, aufmerksam zu machen und vor allem die Aufklärung des Falles zu fordern, gab es diese Demo.

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Zwei Madres an der Spitze der Demo.

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Die Jungs vom Gaza-Streifen, wie Olli sie nannte. Sind aber Piqueteros, Bewegung der Arbeitslosen, die in den 1990ern die ersten sichtbaren Proteste gegen die neoliberale Politik der damaligen Regierung begannen.

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Protestromantik

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Auf dem Plaza de Mayo, vor dem Präsidentenpalast. Hier haben die Madres de Plaza de Mayo zum ersten Mal für die Aufklärung des Schicksals der “Verschwundenen” während der Diktatur protestiert. Da Versammlungen verboten waren sind sie die ganze Zeit im Kreis gelaufen. Ihr Symbol, das Kopftuch, markiert nun diesen Kreis.

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“Danke Herr Präsident, dafür dass Sie Lopez gefunden haben. Sie sind ein Ritter der Menschenrechte.” Ironische Anspielung darauf, dass Kirchner sich für seinen Einsatz für die Menschenrechte rühmt, es aber just unter seiner Regierung zum einzigen “Verschwinden” seit 1983 kommt.

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