Darf ich Dir unser Wahlprogramm vorstellen?

Jedes Jahr gibt es an der UBA (Universidad de Buenos Aires), größte Uni des Landes mit über 300.000 Studenten, Wahlen. Dabei wird jedes Jahr für jede der 14 Fakultäten das Centro de Estudiantes (eine Art Studentengewerkschaft, die aber gleichzeitig die Kopierer in der Uni betreiben und dabei einen großen Reibach machen) gewählt, sowie alle zwei Jahre der Consejo Directivo (Direktors-Rat…) auf Fakultäts-Ebene und ebenfalls alle zwei Jahre die Junta de Carrera (ein Beratungsgremium, gibt es pro Studiengang) sowie der Direktor jedes Studiengangs direkt gewählt.

Da dieses Jahr alles neu gewählt wurde, war das mit den verschiedenen Zetteln in verschiedene Umschläge selbst für viele Politik-Studenten zu kompliziert - daher eine hohe Anzahl ungültiger Stimmen… Insgesamt gibt es drei Wahlgruppen: Studenten, Graduierte und Dozenten. Bei der direkten Wahl zum Direktor des Studiengangs (z.B. für Politikwissenschaft) bekommen alle drei Gruppen jeweils 33% “Stimmrecht”. Für die Studenten ist die Wahl obligatorisch (hört hört!), für die Graduierten natürlich nicht, die sich daher auch nur vereinzelt zum Wählen mobilisieren. Man schimpft, dass die Dozenten sich ihre Anhänger in dieser Gruppe kaufen, damit sie wählen gehen… Dem entgegenkommt, dass Dozenten und Graduierte eine Woche nach den Studenten wählen, deren Ergebnisse also schon kennen und geschickt Allianzen schmieden können und einzelne Kandidaten zurückziehen. Auch wenn die 33% direkte Stimmmacht der Studenten recht viel erscheint, ist sie in der Praxis sehr gering. Hinzu kommt, dass die Posten in den Gremien nicht prozentual vergeben werden, sondern nach dem Schema: Wenn es 4 Posten zu verteilen gibt, bekommt der Sieger 3 und der Zweitplazierte 1 Sitz, egal mit welchen prozentualen Unterschieden sie gewählt wurden. Dieses System zu demokratisieren haben sich die Gewinner und vor allem die Dozenten stets erfolgreich zur Wehr gesetzt…

Für die studentischen Listen (=Parteien an der Uni) ist vor allem mit dem Centro de Estudiantes viel Geld verbunden, und natürlich Einflussmöglichkeiten in den anderen Gremien, daher gibt es immer einen relativ harten Wahlkampf. Mir wurden ja vorher harte (physische!) Kämpfe um die Wählerstimmen versprochen, aber wie zum Beweis für die Klage über die Depolitisierung der Studenten blieb nur der Spießrutenlauf zwischen den Wahlwerbern, die einem bei jedem Durchgang durch die Eingangshalle drei Kilo Papier in die Hand drücken wollen. Das ist schon ganz schön spaßig, aber ansonsten blieb alles friedlich (mpf!). Toll ist, dass die studentischen Gruppen (nicht nur in Wahlkampfzeiten, aber da verstärkt) auch mitten in einem Seminar oder einer Vorlesung in den Raum kommen und (nach höflichem Fragen an den Dozenten, die dem Anliegen zu 80% statt geben) den Studenten eine Veranstaltung ankündigen bzw. Werbung für ihre Liste machen und Material verteilen.

Ich habe auch gerade ein Seminar, wo die Chefin des Lehrstuls und einer ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter beide gegeneinander für verschiedene Listen (ich sag mal: links-gemäßigt und links-revolutionär) antreten. Das hat die restlichen Mitarbeiter des Lehrstuhls ziemlich gespalten und für viele lange, interesante Diskussionen im Seminar gesorgt.

Damit ihr seht, wie die Sozialwissenschaftliche Fakultät der UBA in Wahlkampfzeiten aussieht, hier ein paar Fotos (habe mich mit meiner Proll-Kamera aber nicht so richtig getraut, überall Fotos zu machen…):

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Zwei ganz normale Seminarräume in einer Pause. Und die Tafel ist ausnahmsweise nicht zugeklebt…
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Streik und Demo

Kurz vor den Wahlen gab es noch eine Woche Streik, aber nicht so richtig, hat keiner richtig mitgemacht. Wir haben einmal einen Kurs nach draußen verlegt, die kleine Straße an der das Gebäude liegt abgesperrt und uns auf selbiger breitgemacht und über die Wahlen, den Streik und dann noch ein bisschen über Frederico Engels Konzept vom Staat (dem eigentlichen Thema der Stunde) geredet. In dieser Woche gab es auch eine kleine Demo für bessere Studienbedingungen. Die leider schon klassischen Forderungen sind Zusammenlegung der Fakultät für Sozialwissenschaften in ein Gebäude (zur Zeit ist allein diese Fakultät auf 4 Gebäude in der ganzen Stadt verteilt), mehr Budget, um die Masse der Dozenten die quasi ehrenamtlich arbeitet bezahlen zu können, mehr (Wahl-)Kurse und Demokratisierung der Entscheidungsstrukturen.

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Das schöne, mit gelber Schrift gemalte Transparent im Halb-Hintergrund (”Se nos cae el techo!” - “Uns fällt das Dach auf den Kopf!”) ist von “uns”, dem schon oben erwähntem Kurs “Politische Soziologie”.

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