Trabajo, Dignidad y Cambio Social

Ich bin ja gerade wieder in Buenos Aires – diesmal leider nur für kurz. Zweck ist die Forschung für meine Diplomarbeit. In diesem Rahmen treibe ich mich u.a. bei Sozialen Bewegungen herum. Da dachte ich, dass ich Euch doch daran ein wenig Teil haben lassen kann. Den Anfang macht die Frente Popular Darío Santillán.

Kurze (Vor-)Geschichte

Argentinien war in den 1990er Jahren neoliberales Musterreformland der Weltbank und des IWF. Und ups, mit der Wirtschaft gings bergab. Immer größere Verarmung und Arbeitslosigkeit führten zu immer mehr Protesten und die verschiedenen Krisen kristallisierten sich in großen Aufständen im Dezember 2001. Dann gab es in 10 Tagen fünf verschiedene Präsidenten, bis 2003 wieder ein verfassungsgemäßt gewählter Präsident (Néstor Kirchner) antrat.
Zentrale politische und soziale Akteure waren die Arbeitslosenvereinigungen („Piqueteros“ – weil sie mit Straßensperrungen (=piquetes) auf sich aufmerksam mach(t)en). Nach dem Wirtschaftswachstum der letzten 5 Jahre mit chinesischen Raten, durch eine geschickte Teile-Und-Herrsche-Strategie der Regierungen und Kampagnen der großen Medien hat ihre Bedeutung sicherlich abgenommen. Aber es gibt sie noch, sie treten politisch in Erscheinung und haben sich aber vor allem auf die Arbeit in ihren Stadtvierteln konzentriert. Dort unterhalten sie eigene kleine und größere Betriebe, mit denen sie ihre Aktionen finanzieren und selbst Arbeitsplätze schaffen.

Aus solch einer Piquetero-Organisation (MTD – Movimiento de Trabajadores Desocupados - also einer Organisation arbeitsloser Arbeiter) entstand auch die Frente Popular Darío Santillán. Darío Santillán ist ein 2002 von der Polizei ermordeter Piquetero, der zu dieser MTD aus Lanús gehört.

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Carlos - seit den Anfängen der Bewegung dabei. Mit Carlos habe ich lange gesprochen, er hat mir viel von der Bewegung erzählt.

In der Frente Popular Darío Santillán sind nicht nur Piqueteros organisiert, sondern Organisationen aus allen möglichen Bereichen: Studenten, Künstler, Jugendliche, Arbeiter, Frauenbewegungen etc, die verschiedene politische Hintergründe haben. Ihnen gemeinsam ist der Wunsch, zusammen für Trabajo, Dignidad und Cambio Social – Arbeit, Würde und sozialen Wandel – zu kämpfen und sich eigene Räume für ihre Vorstellungen zu schaffen, wie Gesellschaft funktionieren soll und kann.

Vor ein paar Jahren wurde ihnen von den Madres de Plaza de Mayo (zu ihnen ein anderes Mal mehr) ein Grundstück in Lanús zur Verfügung gestellt: Roca Negra. Lanús ist ein Vorort im Ballungsraum der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires in der Zona Sur, wo eher die unteren (Mittel)schichten wohnen.
Leider waren die Eigentumsverhältnisse von Roca Negra nicht so richtig geklärt. Es gab irgendeinen Eigentümer, der das Grundstück mit einer Hypothek belastete und dann seinen Kredit über 10 Millionen US$ nicht zurückzahlen konnte. Und plötzlich im Oktober 2007 sollte nun überraschenderweise eine Versteigerung stattfinden. Carlos erzählte mir freudig, wie sie alle zu dieser Versteigerung gegangen sind und wie sie so Druck gemacht haben, bis die Veranstaltung abgesagt wurde. Mitlerweile kämpft die Frente für eine Enteignung auf politischem Wege. Bei den Absprachen mit Politiker gebe es zwar wie immer viel chamuyo (Mauscheleien und Lügen), aber wenn die Bewegung verarscht wird, wird wieder mobilisiert!

Roca Negra – Zentrum der Frente Popular Darío Santillán

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“Von den ArbeiterInnen wiedergewonnenes Grundstück”

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Roca Negra funktioniert heute als Zentrum und Versammlungsort der Organisationen der Frente. Gerade am Wochenende fand das jährliche Treffen aller Organisationen statt. Hier wird sich beraten ausgetauscht, politisch gebildet und gefeiert – und das zwischen allen Altersgruppen und über die sozialen und kulturellen Schichten hinweg. Etwa 250 Menschen reisten aus den verschiedenen Landesteilen an.

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Das war ein “Feier”-Teil des Treffens: Bolivianische Tanz-Einlage

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Bachillerato popular – das Volksabitur

Momentan sind Teile des Grundstücks weitervermietet, ein Teil sind bewachte Parkplätze für LKWs. Zudem werden hier Ziegelsteine hergestellt, es gibt eine Werkstatt und seit Anfang des Jahres auch eine Schule, in der man sein Sekundarschulabschluss nachholen kann. Das ist sehr wichtig, weil man für jeden Job ein solches Zeugnis braucht, viele aber die Schule vorher abgebrochen haben weil sie arbeiten gehen mussten. Jeden Abend von 18 bis 22 Uhr lernen hier zur Zeit 15 Erwachsene. Die Schule besteht nur aus Schülern und Lehrern. Es gibt keinen Direktor, keine Putzkräfte – alles wird von Lehrern und Schülern basisdemokratisch selbst geregelt. Die Lehrer kommen aus verschiedenen Ecken, teilweise sind sie selbst in der Bewegung, teilweise sind sie selbst noch Studenten. Und es funktioniert! Walter ist 32 und hat vor vielen Jahren die Schule abgebrochen, weil er arbeiten musste. Den Abschluss nachzuholen hat er wegen der Arbeit immer wieder verschoben, jetzt endlich passt es. Walter ist begeistert, dass es keinen Direktor gibt, und dass die Lehrer compañeros von ihm sind, die man schon kennt und die man oft sieht. Er erzählt mir auch, dass die Schüler mit den Lehrern ausgemacht haben, dass es keine Hausaufgaben gibt – die könnten die meisten eh nicht machen, weil sie arbeiten müssen.
Auch Carlos erzählt mir mehrmals wie großartig es ist, hier ohne Patrón (Boss) zu arbeiten. Die Bewegung ist basisdemokratisch organisiert, alle Entscheidungen werden in asambleas (Versammlungen) getroffen. Es gibt zwar einen Sprecher, der wird jedoch alle 3 Monate neu gewählt. Für Carlos ist dies nicht nur eine Frage von Demokratie, sondern gerade in der Vergangenheit war es auch eine von Sicherheit. Es gab Zeiten schlimmster gewalttätiger Repression, als auf einer Demo neben Darío Santillán auch Maxi Kosteki ermordet wurde und 36 weitere Demonstranten Schussverletzungen erlitten – unter anderem auch Carlos. Er erzählte mir, wie ihn der Schuss unter der Schulter gerade in dem Moment erwischte, als er sich zur Seite drehte – die Polizei hat also auf sein Herz gezielt. Heute funktioniert die Repression eher subtiler, geschossen wird auf politische Demonstranten zumindest in der Nähe der Hauptstadt kaum noch von der Polizei.

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Der Eingang zur Werkstatt - auf der Tür das Motto “Arbeit, Würde und sozialer Wandel”

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Transparent für den “Volks-Sekundärstufenschulabschluss” (klingt in spanisch besser…) für Erwachsene.
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Solo la historia nos juzgará, no la justicia del Estado opresor - Nur die Geschichte wird über uns urteilen, nicht die Justiz des repressiven Staates. Von einer Mapuche-Bewegung.

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Darío und Maxi sind die beiden 2002 bei einer Demo von Polizisten ermordeten Piqueteros. Ihr Andenken ist an vielen Stellen sichtbar.

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