¡Queremos el socialismo aquí ahora! Ein wiedergewonnener Schlachthof.

Diesmal mit recht viel Sozialismus, noch mehr Blut und einer Prise Happy-End. - Eine der berühmtesten Folgen der letzten Wirtschaftskrisen und Argentinien ist die Entstehung von fábricas recuperadas - von ihren Arbeitern wiedergewonnene und selbstgeführte Betriebe. Ich habe gestern eine davon besucht und mich lange vor allem mit Oscar unterhalten, der als einer der Arbeiter die Verwaltung des Schlachthofes führt. FrigoCarne SPAT (”sin patrones” - ohne Bosse).

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Der Schlachthof - da hinten laufen die noch lebenden Kühe in Richtung Schlachthof.

Der Schlachthof ist in dem Dorf Máximo Paz (15.000 Einwohner, gehört zu Cañuelas), etwa 50km von der Hauptstadt entfernt. Nachdem der Betrieb mehrmals die Produktion eingestellt und immer wieder Arbeiter entlassen hatte, entschlossen sich die Arbeiter in einer Versammlung im März 2004 dazu, die Fabrik selbst zu übernehmen und die Produktion wieder aufzunehmen. Drei Tage später besetzten sie die bewaffnet-bewachte Fabrik zusammen mit Menschen aus der Gemeinde, da sie drohte, abgebaut zu werden (also vor allem die Maschinen rausgeschafft wurden). Drei Jahre investierten sie ihre eigene Arbeitskraft, organisierten neue Maschinen, setzten die Gebäude in Stand, bis sie vor anderthalb Jahren die Produktion wieder aufnehmen konnten.

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Mit Oscar in dem Büro - wo früher der große Boss saß.

Oscar führte mich stolz durch die Büros. „Hier, an diesem Tisch saßen früher die Chefs und haben darüber entschieden, wen sie entlassen. Heute sitzen wir hier und hängen unsere Che Guevara-Fahne auf.“ Bei einem Mate-Tee erzählt mir Oscar, dass alle Arbeiter – vom ihm als Chef der Verwaltung, über die qualifizierten Arbeiter bis hin zu den Reinigungskräften – das gleiche verdienen. Die 1700 Peso (etwa 400€) sind zwar nicht viel, werden dafür aber immer bezahlt. Egal ob ein Streik wie Anfang des Jahres die Produktion für einen Monat stilllegt. Die 1700 Peso werden auch nicht Lohn genannt – denn es gibt ja kein (Lohn-)Abhängigkeitsverhältnis. Wenn die Fabrik mehr Überschuss erwirtschaftet, wird alles gleichmäßig ausgezahlt.
Entscheidungen werden immer in den wöchentlichen Versammlungen mit einfacher Mehrheit getroffen. Natürlich gibt es auch Konflikte – gerade über die Lohnverteilung gibt es eine permanente Diskussion, vor allem die Facharbeiter fordern mehr Lohn für sich. Aber, wie Carlos anmerkte, nicht mal Carlos Marx, der Autor von „Das Kapital“ habe es geschafft, den Wert der Arbeit richtig zu definieren. „Diese Diskussion führen wir jetzt hier.“

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Eine der asambleas (Versammlungen) der Arbeiter vor dem Betrieb.

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Zwei lustige Arbeiter mit blutigen Schürzen. Aber natürlich für die gute Sache!

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150 Arbeiter schneiden momentan die 10.000 Kühe zurecht, die die Fabrik pro Monat verarbeitet (!). Es ist ein mittelgroßer Schlachthof, der zurzeit etwa einen Wert von 10 Millionen US$ hat – und das gehört alles den Arbeitern! Den Arbeitern ist auch die symbolische Kraft ihres Unternehmens bewusst. Das ist kein Gutmenschen-Projekt, das von Subventionen oder Ideen lebt. „Wir konkurrieren mit großen kapitalistischen Unternehmen! Aber bei uns gibt es keine Chefs.“ Das sei für viele schwer verständlich, auch bei gesetzlichen Normen gebe es noch einen enormen Anpassungsbedarf, um die besondere Situation dieser Art von Unternehmen zu berücksichtigen. „Wir sind ein schlechtes Beispiel für den Kapitalismus“ – deswegen gibt es auch so viele Widerstände in der Wirtschaft und der Bürokratie.
Das Unternehmen der Arbeiter engagiert sie sich auch in der Gemeinde. Eine Behindertenschule erhält kostenlos Fleisch, Maschinen werden kostenlos in der eigenen Werkstatt repariert, eine Sozialbank und ein Kindergarten („Hier werden alle gleich sein. Alle werden das gleiche essen, alle werden die gleichen Materialien haben!“) sind geplant. Und wenn ein Arbeiter akute Probleme hat, zum Beispiel sein Haus nicht reparieren kann, dann hilft auch mal die Fabrik.

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Die meisten Arbeitsschritte werden per Hand gemacht, da sind kunstvolle, kräftige und schnelle Schnitte gefragt. Jeder schnippelt an seinem Arbeitsschritt ein bisschen an der Kuh herum.

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Die fertigen Rinderhälften, jede wiegt etwa 130kg. Fleisch höchster Qualität, glückliche Kühe (naja, jetzt nicht mehr…) die sich nur von dem Gras der argentinischen Pampa ernährt haben - fast alles für den Export nach Europa.

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Ab in den Laster mit den halben Rindern.

In Argentinien gibt es insgesamt 300 solcher von den Arbeitern geführten Unternehmen, die zusammen etwa 30.000 Arbeitsplätze darstellen. Im Fleischsektor gibt es 6 Unternehmen, die zusammen 7% der nationalen Produktion bilden und etwa 80.000 Tiere pro Monat verarbeiten. In Argentinien gibt es allein ca. 56 Millionen Kühe – mehr als Einwohner.

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Der Oscar.

Oscar selbst war schon in den 70ern in linken Parteien aktiv, die auch bewaffnet Widerstand gegen die Militärdiktatur leisteten. Er selbst war politischer Gefangener während der letzten Diktatur, in seiner Familie gibt es auch Despararecidos („Verschwundene“). Seine Mutter gehörte bis zu ihrem Tod auch zu den Madres de Plaza de Mayo (zu denen mehr ein anderes Mal). Sein eigenes politisches Engagement hat sich gewandelt. Für den Sozialismus und die Freiheit kämpft er („¡Queremos el socialismo aquí ahora! Peleamos para esta libertad.“), aber er weiß, dass es ein langer Weg ist. „Es gibt kein Rezept für die perfekte Revolution, auch keines für die Wiedergewinnung einer Fabrik. Das ist ein Prozess, ein konkreter Prozess. Und es ist Dein Prozess.”

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Im Essensraum des Betriebs. Ein Poster der Madres, dadrunter die Fotos der während der letzten Diktatur “verschwundenen” compañeros des Schlachthofes und der Fleischverarbeitungsgewerkschaften. Diese waren besonders politisiert - sehr viele sind daher umgebracht worden.

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Mit Miguel im feschen weißen Ganzkörperanzug und feschen weißen Gummistiefeln vor dem Betrieb. “Soziale Produktion und sozialer Vertrieb” - unten: “Poder Popular” - Die Macht dem Volke (oder so ähnlich… “popular” hat hier eine ganz andere Konnotation als “Volk”).

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